Moral beim Investieren

Vor ein paar Tagen bin ich auf eine Aktie gestoßen, die fundamental nahezu perfekt aussah. Hohe Dividende, stabiles Geschäftsmodell, planbare Gewinne. Eigentlich genau das, wonach ich suche. Trotzdem werde ich sie nicht kaufen. Warum? Wegen der Moral.

Über die Moral beim Investieren wird oft diskutiert, ganz besonders hierzulande. Heute will ich aber nur über meine eigene Meinung schreiben.

Wie stehe ich also zur Moral wenn es um Investitionen geht, wo sind meine Grenzen, was sind meine No-Gos? Ich versuche hier zu unterscheiden zwischen dem freiwilligen Verhalten erwachsener Menschen und Unternehmen, die grundlegende Rechte verletzen.

Lange Zeit dachte ich, dass an der Börse alles erlaubt ist. Dass der Zweck alle Mittel heiligt und es egal ist mit welchen Unternehmen man Geld verdient. Kauft man eine Aktie, unterstützt man das Unternehmen schließlich nicht, man wird selbst zu einem Teil des Unternehmens. In den letzten Tagen hat sich das geändert. Aber eines nach dem anderen.

Zuerst werde ich mal meinen Senf zu verschiedenen Unternehmenstypen abgeben. Was ich von ihnen halte, wie ich zu Investments in diesen Bereichen stehe.

______________________________________

Absolute „No-Gos“

Zuerst einmal möchte ich die absoluten No-Gos kurz durchgehen. Unternehmen, die in diesen Bereichen „tätig“ sind, möchte ich nicht besitzen. Allerdings sind gerade diese Unternehmen oft nicht leicht eindeutig auszumachen.

Kinderarbeit und Zwangsarbeit

Früher waren Kinderarbeit und Zwangsarbeit in vielen Ländern an der Tagesordnung. Besonders in der Textilindustrie, der Landwirtschaft (Kaffee, Kakao etc.), Elektronik und im Bergbau kam es häufig dazu. Auch heute ist das leider noch nicht ausgestorben. Allerdings ist die Akzeptanz dieser Beschäftigungsformen in der westlichen Welt in den letzten Jahrzehnten massiv zurückgegangen. Viele große Unternehmen haben Programme laufen, die die Lieferketten im Hinblick darauf überwachen um Risiken auszuschließen.

Raubbau an der Natur

Unternehmen, die aktiv Raubbau an der Natur verüben, möchte ich auch nicht im Depot haben. Nicht nachhaltige Fischerei, die Abholzung von Waldflächen, Verschmutzung und Vergiftung von Gewässern muss in meinen Augen unbedingt vermieden werden.

Allerdings gibt es viele Industriezweige die zwangsläufig Ressourcen verbrauchen. Ohne sie würde die Menschheit auf der Stelle treten.

________________________________________

Die üblichen Sündenaktien

Tabak / Alkohol / Cannabis

Ich bin ein großer Befürworter der Mündigkeit eines jeden erwachsenen Menschen. Tabak und Alkohol sind schädlich, daran gibt es keine Zweifel. Allerdings sind die Konsumenten dieser Produkte Herr über ihre eigenen Entscheidungen. Jeder Mensch sollte seine Entscheidungen frei treffen dürfen, auch wenn sie ihm selbst schaden. Niemand wird zum Konsum gezwungen und es ist allgemein bekannt, dass Alkohol und Nikotin ein starkes Suchtpotenzial haben.

Ich selbst trinke zusammen mit Freunden auch mal einen über den Durst. Die klassischen Zigaretten habe ich nach 16 Jahren des Rauchens seit einer Dekade hinter mir gelassen. Vom Nikotin bin ich aber nicht weggekommen. Heute dampfe ich meine E-Zigarette. Sollte ich einmal die Konsequenzen meines Handelns tragen müssen, werde ich nicht anklagend mit dem Finger auf die Hersteller dieser Produkte zeigen.

Kurzum, mit einem Investment in diese Unternehmen habe ich kein Problem. Ich baue gerade eine Position in British-American-Tobacco auf. Die Dividenden werden mir schmecken.

Ölaktien

Die Menschheit hat einen gewaltigen Hunger nach Öl. Wir brauchen es – noch – für so ziemlich alles. Gas treibt flexible Kraftwerke an. Benzin und Diesel treiben unsere Autos, Landmaschinen und Schiffe an. Die meisten Kunststoffe basieren auf Öl. Ohne das schwarze Gold würden nicht nur die Motoren der Menschheit ins Stocken geraten. Würde morgen alles Öl von der Erde verschwinden, würde es sofort zu Chaos, Anarchie und Hungersnöten kommen. Die Menschheit wie wir sie kennen, wäre am Ende.

Ich bin absolut dafür, dass wir Stück für Stück auf alternative Energien umstellen und den Erdölverbrauch reduzieren so weit es geht. Das geht aber nicht auf einen Schlag.

In der Steinzeit hat man nicht auf Bronze umgestellt, nachdem die Verwendung von Stein verboten wurde. Die nötigen Technologien für den Ölausstieg müssen reifen und sich beweisen. Blinder Aktionismus führt hier zu nichts. Dass wir heute auf Öl angewiesen sind, heißt nicht, dass das auch so bleiben muss.

Ich habe also einige Ölriesen in meinem Depot. Shell und Petrobras sind meine Basis. Dazu baue ich gerade eine Position in Enbridge auf. Der kanadische Konzern transportiert Öl und Gas über sein gewaltiges Pipeline-System und kassiert dafür den Wegzoll.

Rüstungsaktien

Seit 2022 ist den meisten klar geworden, dass wir verteidigungsfähige Armeen brauchen. Waffen sind nicht mehr nur ein Mittel um zu zeigen, dass man der größte Hahn auf dem Misthaufen ist. Es geht um die Verteidigung der eigenen Werte und des eigenen Lebensstils. Wer seine Souveränität und Existenz also in Zukunft schützen will, braucht moderne Waffen. Seit 2022 herrscht ein regelrechter Rüstungsboom. Viele Rüstungswerte haben sich vervielfacht. Wer früh dabei war, hat viel Geld verdient.

Für mich ist es in Ordnung, in Rüstungsaktien wie Rheinmetall, General Dynamics oder Hensoldt zu investieren.

Ein Investment in Rüstungskonzerne kommt für mich aber nicht in Frage. Nicht aus moralischen Gründen. Ich empfinde den Einfluss des Staates als schlicht zu groß. Es gibt keine wirkliche Rechtssicherheit in diesem Bereich. Wachstum oder Stagnation hängen zu sehr von politischen Entscheidungen oder staatlichen Aufträgen ab.

Glücksspiel Aktien

Glücksspiel kann eine Sucht werden. Oft genauso Schlimm wie Alkohol, wenn nicht sogar schlimmer. Viele Menschen ruinieren sich damit. Aber auch hier sind die Kunden mündige, volljährige, Menschen. Niemand wird zum Glücksspiel gezwungen. Ich selbst platziere auch manchmal bei einer WM oder EM eine Wette. Eine einzelne Wette. Die letzte Wette habe ich 2018 abgegeben. Ich habe einen Fußballbegeisterten Arbeitskollegen gefragt, wer die WM gewinnt. Frankreich, das ist sicher – sagte er. Also gut. Ich habe einfach mal 50€ auf Frankreich gewettet.

Ich kann euch sagen, ich hatte selten so viel Spaß bei einer WM. Ich war der größte Frankreich-Fan.

Am Ende hat Frankreich gewonnen. Aus meinen 50€ wurden 400€. Den Gewinn habe ich in Microsoft investiert. Das war eine recht ertragreiche Investition. Bei der aktuellen WM habe ich 35€ auf England gesetzt. Argentinien hat mir die Wette dann vereitelt. Das Geld ist weg.

Viel mehr Geld verloren habe ich mit meinem Investment in Evolution Gaming. Ich habe die Aktie gekauft, die Aktie ist gesunken. Dann habe ich dem guten Geld noch schlechtes hinterhergeworfen und ins fallende Messer gegriffen. Die Aktie fiel und fiel. So ging das Spiel, bis mir der Geduldsfaden gerissen ist. Seitdem bin ich von Glücksspielaktien kuriert. Nie wieder. Der Einfluss des Staates ist mir auch hier zu hoch. Ein moralisches Dilemma sehe ich aber nicht. Wer investieren will, soll das machen.

Quasi-Monopole

Hier wird es interessant. Nehmen wir mal das präsenteste Beispiel: Amazon. Fast jeder bestellt bei Amazon. In den deutschen Medien hört man dagegen ständig, dass Amazon unsere Innenstädte zerstört. Kleine Einzelhändler verschwinden, die Innenstädte verwahrlosen. Leere Ladenimmobilien werden fast nur noch von Dönerläden, Friseursalons und Shisha-Bars gepachtet. Das stimmt. So sehen unsere Innenstädte heutzutage aus. Und für mich ist das völlig in Ordnung. Ich halte mich nicht gerne in Städten auf. Gründe dafür gibt es viele. Ich wohne auf dem Land. Ich bin über jeden Tag froh, an dem ich eine Stadt nicht mehr betreten muss.

Was ich brauche – und nicht im Supermarkt bekommen kann – bestelle ich auf Amazon. Egal was es ist. Eine Glühbirne, eine Kaffeetasse, neue Blumenkübel. Ich bestelle was ich brauche.

Amazon liefert – oft mit nur einem Tag Verzögerung. Ich bin froh, nicht mehr in die Stadt zu müssen.

Die Lieferwägen sind schlecht für die Umwelt? Wer verbraucht wohl mehr Sprit, der Amazon-Lieferwagen, der an einem Nachmittag 150 bis 200 Zustellstopps hat, oder die gleiche Anzahl Privatpersonen, die an einem Tag in die Stadt fahren müssen?

Dass Amazon gewinnt, liegt nicht an einem raffgierigen System. Wir alle haben dafür gestimmt – mit unseren Geldbeuteln. Der Kunde entscheidet freiwillig.
Wenn Millionen Menschen Amazon wählen, entsteht die Marktmacht nicht durch Zwang, sondern durch Konsumentscheidungen.

Damit komme ich gut klar, es entspricht meinem Lebensstil. Ich wünsche Amazon für die Zukunft alles Gute. Und bin mit 6% meines Vermögens investiert.

Und hier wie versprochen die Aktie, die mich dann doch ins Grübeln gebracht hat:

Edison International

Auf meiner immerwährenden Suche nach guten Dividendenaktien bin ich vor ein paar Tagen über die Edison International Aktie gestolpert. Das Unternehmen hat auf mich zuerst mal einen ganz guten Eindruck gemacht.

Es handelt sich hier um einen Energieversorger. Die Firma arbeitet am Ausbau, dem Betrieb und der Modernisierung des Stromnetzwerkes in Kalifornien. Versorgt werden etwa 15 Millionen Menschen. Dabei wird aber kein Geld durch den direkten Verkauf von Strom verdient. Jedes Investment – Kabel, Hochspannungsleitungen, Umspannwerke und Maßnahmen gegen Waldbrände – wird mit einer gesetzlich garantierten Rendite von 10-11% auf die Stromkosten der Verbraucher aufgeschlagen. Je mehr Edison International investiert, desto mehr verdienen sie also.

Die Aktie hat eine interessante Dividende von etwa 4,5%, die in den letzten 5 Jahren um 5,5% jährlich gesteigert wurde. Die Ausschüttungsquote von, je nach Quelle, 37 bis 65% des Gewinns, ist sehr moderat. Das Unternehmen hat rund 14.000 Mitarbeiter und eine Marktkapitalisierung von 30 Milliarden USD.

Die Umsätze sind aufgrund der Stellung als reguliertes Monopol ausgesprochen stabil und planbar. Die 15 Millionen Kunden haben im Prinzip keine Alternative zu dem Angebot. Wer das Stromnetz nutzt, bezahlt auch für die Investitionen in diese Infrastruktur. So weit, so gut.

Der erste Gedanke war: Mit einer Solaranlage könnte man sich im sonnigen Kalifornien ja dann doch unabhängig vom Stromnetz machen!?

Auf diese Idee sind viele Kalifornier gekommen und es wurde privat massiv in Solaranlagen investiert. Der kalifornische Staat will aber seine eigenen Ziele vorantreiben und selbst in alternative Energien investieren. Das Geld der Solar-Privatos hat dafür dann gefehlt, da diese Privatpersonen das öffentliche Netz durch ihre eigenen Einspeisungen quasi als „Batterie“ genutzt haben. Die Stromverbraucher ohne Solar mussten also alleine die Zeche für die Netzinfrastruktur zahlen. Also wurde kurzerhand das Geld, das man für das Einspeisen von Solarstrom ins Netz erhält, um 75% reduziert. Oder von 30-40 Cent auf 5 bis 8 Cent.

Die Strompreise in Kalifornien sind über 80% höher als im Schnitt der gesamten USA und damit etwa auf dem Level der Stromkosten in Deutschland.

Der einzige Weg für die Kalifornier um das „Zwangs-Abo“ von Edison International zu umgehen ist es jetzt, zusätzlich zur Solaranlage noch eine Batterie im Haus zu installieren und den eigenen Strom selbst zu verbrauchen. Wer sich das leisten kann, entkommt dem System. Auf alle, die sich das nicht leisten können, werden die Milliarden-Investitionen von Edison International umgelegt. Für die einkommensschwächere Bevölkerung explodieren die Kosten dabei brutal.

Man kann allerdings auch argumentieren, dass ein stabiles Stromnetz ein öffentliches Gut ist und die Investitionen letztlich allen Verbrauchern zugutekommen.

Es widerstrebt mir aber, in ein solches System zu investieren, auch wenn die fundamentalen Daten absolut in Ordnung sind und bestimmt noch für eine lange Zeit zuverlässige und wachsende Dividenden bezahlt werden. Ich besitze lieber Unternehmen, die ihre Kunden begeistern, anstatt sie zur Abnahme der Produkte zu zwingen. Für mich fühlt sich das so an, als würde man in die deutschen öffentlich-rechtlichen Medien investieren, deren Zukunft dank der ungeliebten und unausweichlichen GEZ ja gesichert ist.

Was ist die Moral von der Geschichte?

Ich denke am Ende muss jeder für sich selbst entscheiden, welche Aktien er sich in sein Depot legen möchte und von welchen Unternehmen er ein Teil sein will. Jeder Mensch hat seinen eigenen moralischen Kompass – oder eben auch nicht.

Es ist mir aufgefallen, dass ich bei der Moral oft zwischen „freiwillig“, „unfreiwillig“ und „notwendig“ unterscheide. Sind die Kunden freiwillig da, sehe ich keinen moralischen Konflikt. Wird jemand zu etwas gezwungen, egal ob Mitarbeiter oder Kunden, lehne ich das ab. Notwendige Übel, auf die noch nicht verzichtet werden kann, sind für mich investierbar.

Alles in allem will ich niemandem vorschreiben wo er investieren soll. Das Wedeln mit dem erhobenen Zeigefinger überlasse ich Anderen.

Mich würde interessieren, wo ihr persönlich die Grenze zieht. Welche Unternehmen würdet ihr niemals kaufen – und warum?

Was meinst Du dazu?

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Mein Notizbuch: