In den letzten Wochen und Monaten ist mir aufgefallen, dass sich meine Risikobereitschaft und damit auch meine Verlustaversion im Bezug auf meine Investments stark geändert hat, seit ich die Marke von 400k überschritten habe. Ich habe länger über das Thema nachgedacht. Dabei ist mir aufgefallen, dass sich diese Haltung von mir über den ganzen Zeitraum meines Vermögensaufbaus immer wieder geändert hat.
Ich schreibe jetzt mal etwas über die Phasen, die ich durchlaufen habe.
Eines noch vorneweg. Ich habe meinen ganzen Vermögensaufbau mit dem Lesen von Finanzbüchern und dem Schauen von Finanzkanälen auf YouTube begleitet. Deshalb hatte ich schon immer ein recht solides Fundament an Wissen und bin, was meine Risikobereitschaft angeht, nie in komplett willenlose Investmentzocks abgedriftet.
0€ – 30.000€
Die ersten Aktienkäufe habe ich 2015 gemacht. Das war der Beginn meiner finanziellen Reise. Ich habe mit einem Dax-ETF angefangen und dann später per Sparplan in den MSCI World investiert.
Bevor ich die ersten Schritte gemacht habe, habe ich massiv Recherche betrieben um das richtige Anlagevehikel zu finden. Es hat sich schon komisch angefühlt, damals über 1000€ auf einen Schlag zu investieren. Am Anfang waren meine ETFs über längere Zeiträume im Minus. Das hat mich wohl etwas abgeturnt und davon abgehalten gleich mit allem was ich habe zu investieren. Ich hatte am Anfang also eine recht hohe Verlustaversion.
Die kommenden Jahre habe ich dann einfach Sparpläne auf die ETFs laufen lassen. Für riskante Einzelinvestments hatte ich einfach nicht genug Geld.
Wenn ich mir heute anschaue, wie ich über Jahre hinweg einfach Stur in ETFs investiert habe, geht mir schon etwas das Herz auf. So wird’s gemacht! Es war toll damals zuzusehen, wie das Vermögen einfach nur durch Einzahlungen angewachsen ist.
30.000€ – 75.000€
Ab 30k war dann quasi der Grundstock gelegt und ich hatte mich etwas daran gewöhnt, dass mein Geld an der Börse Schwankungen ausgesetzt war. Ich schaffte damals mit Kursgewinnen und meiner Sparrate etwa einen jährlichen Vermögenszuwachs von 10.000€. Jedes Jahr hatte ich das Ziel einen weiteren der großen Zehner zu knacken. Mit dem wachsenden Depot kam dann auch die Lust auf mehr. Die Aussicht darauf, die Rendite noch etwas pushen zu können, hat dann zu den ersten Käufen von Einzelaktien geführt.
So habe ich dann Ende 2017 meine ersten 7 Microsoft Aktien für je 70€ gekauft. Die haben sich bis heute ganz gut entwickelt. Nach einigen kleineren Nachkäufen bei MSFT ging es erst 2019 mit einer kleinen Position in Apple weiter. Kurz darauf folgten Walt Disney, Amazon und Alphabet. Der Bann war gebrochen. Ich war richtig scharf auf Einzelaktien. Die ETFs wurden aber weiterhin stur jeden Monat bespart. Schlussendlich kaufte ich im August 2019 Luckin Coffee, eine Kaffeekette aus China. (Das war so ein Höllenritt…)
Für meine Big-Techs hatte ich noch kräftig Recherche betrieben. Nach dem Kauf von Luckin Coffee war aber prinzipiell erstmal alles erlaubt, was Rendite versprach. Kleine Sparpläne in Tesla, Booking, Coca-Cola, HannoverRE, Allianz, Cadence und ein paar andere wurden gestartet. Auch weitere riskantere Einzelinvestitionen wurden gemacht (Beispiel Velocys).
75.000€ – 300.000€
Ihr denkt euch jetzt vielleicht, was ist das für ein Riesenschritt? Aber dafür gibt es Gründe. Anfang 2021 habe ich ein Erbe von meinem Großvater bekommen. Damit stand ich dann in einem Augenblick mit insgesamt knapp über 200.000€ da. Für mich war klar: Das Geld wird investiert!
Damals habe ich mir wirklich Mühe gegeben es nicht zu versauen. Ich wusste, dass die Entscheidungen, die ich jetzt mache, wichtig sind. So eine Chance würde ich so bald nicht wieder bekommen. Es musste also beim ersten Anlauf passen.
Meine Risikotoleranz sank, meine Verlustaversion stieg. Ich stellte Listen auf, holte Informationen aus möglichst vielen Quellen ein. Ich wog Aktien gegeneinander ab. Gab mir Mühe, die wichtigen Sektoren sinnvoll zu gewichten. In 2-3 großen Kaufaktionen bin ich schließlich in meine ausgesuchten Werte eingestiegen.
J&J, Berkshire, Danaher, Visa, P&G, John Deere, NVIDIA wurden gekauft. Der MSCI World wurde nachgekauft. Die Big-Techs wurden aufgestockt und alle auf 10.000€ pro Position gebracht. Auch Gold habe ich nochmal in größeren Tranchen gekauft. Alles gute und überlegte Investitionen. „Goldmedaillengewinner“ und „No-Brainer“.
Nachdem der Großteil des Erbes investiert war, wurde ich aber auch wieder risikofreudiger. Damals habe ich einige Werte gekauft, bei denen mich am Ende die meisten einiges an Geld gekostet haben: Evolution Gaming, Yandex, Mo-Bruk, Shake Shack, Teladoc Health und der mittlerweile pleite gegangene chinesische Hersteller von Elektroautos China Evergrande New Energy Vehicle. Das war ein richtiger Pennystock…
Meine Bereitschaft zum Kauf von riskanteren Titeln war damals so hoch wie vermutlich nie mehr danach. Ich habe meine Recherche zu den Aktien gemacht, allerdings wurden viele dieser Risiko-Käufe mehr durch Hoffnung als durch echte Überzeugung gemacht. Nach ausreichend Enttäuschung wurden sie dann auch wieder verkauft und die zum Teil angefallenen Verluste wurden realisiert.
300.000€ – 400.000€
Anfang 2024 wurden dann die 300.000€ geknackt. Ich war sehr stolz darauf und hatte richtig darauf hin gefiebert. Es war schließlich der erste 100k-Schritt, den ich „live“ verfolgen konnte und der nicht durch das Erbe einfach mitgenommen wurde.
Ich kann mich noch gut an diese Zeit erinnern – ist ja auch noch nicht so lange her. 300k sind eine beeindruckende Summe. Es war eine gewisse Erleichterung einen großen Schritt geschafft zu haben. Ich hatte schon viel erreicht, dennoch war ich damit noch weit von meinem großen Ziel, der finanziellen Unabhängigkeit, entfernt. Diese Konstellation hat es mir erlaubt, alles etwas entspannter zu sehen.
„Es ist eigentlich fast egal, was ich jetzt weiterhin kaufe. Ich kann mir auch einfach Aktien kaufen, an den ich Freude habe. Das habe ich mir verdient.“ Das war damals der Gedanke und es hat sich gut angefühlt.
Ich bekam erstmal richtig Lust auf Dividenden. Das Vermögen war schon recht groß geworden, also machte es Sinn für mich, mein Einkommen zu erhöhen. Also fing ich munter an einzukaufen. REITs wie Realty Income und Prologis, BDCs wie Ares Capital und Main Street, McDonalds, den Vanguard All-World High Dividend sowie Shell. Alles in Allem solide Dividendenzahler.
Wachstum hat mich in dieser Phase nicht so sehr interessiert. Das lag auch nicht an einem mangelnden Appetit auf Risiko. Es hat mir einfach Spaß gemacht Dividendenwerte einzusammeln. Lediglich ein bisschen Bitcoin habe ich im Jahr 2024 eingekauft.
2025 wurde mir das dann zu langweilig. Ich wollte wieder etwas wachsen sehen und war bereit dafür ein neues Depot anzulegen und Geld in neue, aussichtsreiche, Aktien zu stecken.
Ich kaufte mit kleineren Beträgen TheTradeDesk, Marvell, Ethereum und einige China-Werte (Alibaba, Baidu, JD, Xpeng).
Paralell dazu besparte ich weiter meine REITs, BDCs und Ölwerte.
Ende 2025, ich hatte immer noch Lust auf Wachstum, investierte ich in BloomEnergy und Robinhood. Beides Aktien, hinter denen ich immer noch stehe und von deren Zukunft ich überzeugt bin.
400.000€ – heute
Anfang diesen Jahres habe ich dann die 400.000€ erreicht. Dieser 100k-Schritt war hat sich allerdings komplett anders angefühlt als vor zwei Jahren bei den 300.000€. Es fühlt sich zum ersten Mal so an, als würde die finanzielle Unabhängigkeit in greifbare Nähe rücken. Ich habe einen Plan gemacht, um nur noch 24 Stunden pro Woche zu arbeiten. Auf dem Weg zur halben Million bin ich ziemlich humorlos geworden. Ich habe absolut keine Lust mehr in riskanten Investitionen Geld zu verlieren und den vorläufigen Endspurt zur massiven Arbeitszeitreduktion unnötig zu verlängern.
In diesem Jahr habe ich mein Depot entrümpelt und mich von unnötigen Werten befreit. Gleichzeitig habe ich bisher ausschließlich bereits vorhandene Werte nachgekauft. Ich habe nur noch in bereits vorhandene Werte investiert. Robinhood habe ich noch nachgekauft und die Position auf knapp 6.000€ erhöht. Hier erhoffe ich mir einen Kursgewinn-Boost, den ich später umschichten kann. Meine ganzen anderen Wachstumswerte sollen erstmal weiter wachsen und Kapital erzeugen. Nachkäufe gibt es da erstmal keine mehr. Ansonsten kaufe ich im Hinblick auf die finanzielle Teilfreiheit nur noch Dividendenwerte.
Ich werde der Diversifikation halber noch ein paar Aktien dazunehmen müssen. Ich möchte bei 1-2 weiteren REITs, BDCs und Dividendenaktien neue Positionen aufbauen. Diese neuen Werte versuche ich in den letzten Wochen zu ermitteln. Tatsächlich ist es mir noch nie so schwer gefallen, neue Aktien zu suchen. Ich vergleiche, wäge ab, sehe mir Analysen an und bespreche mit Gemini und ChatGPT gleichzeitig, was am geeignetsten für mein Depot ist. Ich will es unbedingt vermeiden, mir in dieser wichtigen Phase noch faule Eier einzukaufen. Meine Angst vor schlechten Entscheidungen war noch nie so groß wie jetzt.
Fazit
Im Rückblick kann man also sehen, dass meine Risikobereitschaft sich über die Jahre immer wieder geändert hat. Während des Vermögensaufbaus verändert sich die eigene Einstellung gegenüber den Investments und die eigene Stimmung immer wieder. Es gibt Zeiten, in denen man aggressiver vorgeht. Manchmal versucht man auch Risiken zu vermeiden und bei seinen Entscheidungen sehr vorsichtig vorzugehen.
Ich denke, dass diese Schwankungen normal sind. Zumindest dann, wenn man sein Depot mit Einzelaktien und verschiedenen Anlageklassen aufbaut. Die verschiedenen Werte zu balancieren und Sicherheit und Chancen gegeneinander abzuwiegen, kann schwierig und anstrengend sein.
Bei einem Investor, der nur in 1-3 ETFs investiert, kann ich mir gut vorstellen, dass diese emotionalen Schwankungen weitestgehend ausbleiben. Im Nachhinein wäre ich sogar eventuell lieber diesen Weg gegangen.
Jetzt hat mich allerdings das Fieber voll im Griff. Vermögensaufbau ist für mich nicht nur Altersvorsorge. Es ist auch mein größtes Hobby. Ist das gut oder schlecht?
Es ist jedenfalls nicht mehr zu ändern.