1. Der Traum
Überall liest und hört man heutzutage von der finanziellen Freiheit. Es ist eine Art Trend geworden sie anzustreben. Von Menschen, die sie erreicht haben, hört man allerdings selten. Die, von denen man hört, haben oft große Millionenvermögen, die unerreichbar weit entfernt scheinen.
Ich bin sicher, dass es auch viele andere gibt, aber die werden wohl einfach ihr Leben genießen und haben kein großes Mitteilungsbedürfnis mehr. Das kann ich auch verstehen. Wer nach Jahren in einem Partnerschaftsforum endlich seinen Traumpartner gefunden hat, wird danach auch nicht mehr viel in diesem Forum aktiv sein.
Was solls. Wie ich hier geschrieben habe, ist die finanzielle Freiheit ein großer Traum. Und damit oft noch weit entfernt. Das Depot wird gefüttert, aber es wirkt sich kaum auf das eigene Leben aus.
Nur in einer Sache ist es ständig präsent – man muss verzichten.
2. Was will ich eigentlich?
Als ich danach begonnen habe nach dieser Freiheit zu streben, wollte ich immer alles auf einen Schlag erreichen. Irgendwann ist genug Kohle da, dann wird gekündigt. Heute sehe ich das etwas anders. 2008 habe ich meine Ausbildung begonnen. Das heißt, ich arbeite jetzt seit 17 Jahren und 9 Monaten. Und das im gleichen Unternehmen. Das ist eine lange Zeit. Unterbrochen sind die Arbeitswochen seitdem nur von den Wochenenden und den 30 Urlaubstagen, die ich habe.
Was gibt es da jetzt zu jammern? Das könnten einige Leute fragen. Besonders Menschen, die schon 40 oder 45 Jahre gearbeitet haben.
Naja, für meinen Bedarf reicht es langsam mit dieser Intensität. Ich habe keine Lust mehr, weiterhin den Großteil meines Tages in einem Büro zu verbringen, dessen Umgebung von Neonröhren erleuchtet wird. Ich liebe meinen Job nicht. Über viele Jahre war er unglaublich aufreibend. In den letzten Jahren ist er langweilig geworden. Ich habe alles schon gesehen und erlebt. Alles schon mal gemacht. Weitere Energie in Karriere investieren möchte ich nicht mehr.
Manche Arbeitskollegen sind gute Freunde geworden, andere scheinen mir aktiv die Lebenskraft rauben zu wollen. Der Job ist nicht unerträglich geworden, aber lästig.
Was will ich dann? Ganz einfach. Mehr Zeit für mich, meine Hobbies, meine Familie und meine Freunde. Täglich wandern gehen. Zu einer Zeit ins Fitnessstudio gehen, in der es leer ist. Eventuell will ich mich irgendwann noch mit einem kleinen Business selbstständig machen. Ich habe Lust mein Leben richtig zu leben und will nicht wöchentlich 5 Tage gegen 2 Tage tauschen.
Ende 2024 habe ich meine Arbeitszeit von 40 Stunden pro Woche auf 37,5 Stunden reduziert. Das hat mir gut getan und ich genieße es, jeden Tag als Erster auf den vollen Parkplatz zu gehen und nach Hause zu fahren. Finanziell merke ich den Unterschied kaum.
Von diesem bisschen extra-Freiheit möchte ich mehr. Ich will nicht gleich ganz ins kalte Wasser springen und den Job an den Nagel hängen – das könnte ich auch noch nicht. Aber ich will meine Arbeitszeit in naher Zukunft, etwa in 1-2 Jahren, weiter massiv reduzieren. 30 Stunden pro Woche maximal noch arbeiten. Besser noch – 24 Stunden.
3. Die nächsten Schritte
Ich habe also ein direktes, neues Ziel. Das ist schonmal ein Anfang. Die letzten Tage habe ich mir oft Gedanken gemacht, wie ich es wirklich angehen kann, dieses zu erreichen.
Zunächst einmal habe ich eine Art Kassensturz gemacht. Was ist da? Was fehlt noch?
In erster Linie muss ich wegfallendes Einkommen ersetzen. Aktuell verdiene ich 2340€ Netto. Steuerklasse 1, aus der Kirche ausgetreten.
Wenn ich nur noch 24 Stunden pro Woche arbeite, fällt mein Steuersatz. Ich würde dann noch etwa 1635€ Netto verdienen. Die Arbeitszeit würde sich um 36% reduzieren, mein Gehalt aber nur um 30%. Es würde eine Gehaltslücke von 700€ entstehen. Das ist natürlich eine Menge weniger, aber wir wollen es uns ja nicht zu leicht machen.
Was habe ich auf der Gegenseite? Mein Depot steht gerade auf einem neuen Hoch bei etwa 445.500€. Nächstes Jahr werde ich – ohne weitere Investitionen – 9400€ Brutto an Dividenden einnehmen. Netto, abzüglich dem Freibetrag, werden das 7216€ werden. Monatlich sind das ziemlich genau 600€ Netto. Damit wäre die Gehaltslücke schon fast ausgeglichen. Aber meinem Depot würde ein Wachstumstreiber komplett wegfallen.
Deshalb hatte ich folgenden Gedanken. Ich pushe meine Dividendeneinnahmen auf 12.000€ Brutto pro Jahr, also 1000€ pro Monat. Damit hätte ich 761€ pro Monat Netto. Ich könnte also immer noch einen Teil meiner Dividenden reinvestieren. Mit Dividendensteigerungen in den darauffolgenden Jahren wird dieser Betrag auch wieder anwachsen. Dazu hätte ich ja noch meine reguläre Sparrate.
Neues Ziel: Dividendeneinnahmen von 9.400€ auf 12.000€ steigern. Das sind 2600€ pro Monat.
4. Der Plan
Ich habe mir ausgerechnet, wie viel Geld ich in Dividendenaktien investieren muss, wenn ich 4% Dividendenrendite bekomme um auf die 2600€ zusätzlich zu kommen. Ergebnis sind 65.000€.
Das war mir zu viel. Das dauert zu lange. Ich brauche mehr!
Also habe ich mit 6% Rendite gerechnet. Mit diesem Prozentsatz brauche Investitionen in Höhe von 44.800€. Dabei möchte ich in 3 Anlageklassen mit unterschiedlichen Renditen investieren.
Dividendenaktien, REITs und BDCs.
Folgende Beträge muss ich in den jeweiligen Klassen investieren:
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Dividendenaktien (4% Rendite min.) – 11.900€
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REITs (6% Rendite min.) – 22.933€
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BDCs (9% Rendite min.) – 10.000€
Die Beträge sind also klar. In welche Werte genau möchte ich das Geld investieren?
4.1 Dividendenaktien
Hier möchte ich, bis auf einen Wert, nur in Werte investieren, die ich bereits im Depot habe. Dabei strebe ich eine durchschnittliche Dividendenrendite von 4% an.
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Allianz
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Hannover Rück
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Rio Tinto
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Van Eck Morningstar Developed Markets Dividend Leaders
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Stoxx Global Select Dividend 100
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WisdomTree Emerging Markets Equity Income – NEUZUGANG
4.2 REITs
Bei den REITs ist die größte Investition nötig, deshalb möchte ich hier zwei neue Positionen aufbauen. Prologis möchte ich hierzu nicht dazukaufen, dort ist mir die Dividende zu niedrig. Auch Realty Income werde ich nicht weiter aufstocken. Dort habe ich bereits über 22k investiert.
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Broadstone Net Lease
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W.P. Carey
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Healthpeak Properties – NEUZUGANG
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Sabra Health Care – NEUZUGANG
4.3 BDCs
Bei den BDCs möchte ich nichts neues dazunehmen. Hier werde ich nur bestehende Positionen weiter aufbauen.
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Ares Capital
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Main Street Capital
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BlueOwl Capital
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Hercules Capital
5. Woher das Geld?
Ich weiß jetzt also wo ich investieren will und wie viel – 44.800 Euro. Woher soll das Geld jetzt kommen? Ich habe natürlich viele Wachstumswerte im Depot, die wenig bis keine Dividende zahlen. Oder meine Goldposition mit aktuell etwas über 45k. Aber ich möchte meinem Depot nicht das Momentum nehmen. Bei keinem der hier aufgeführten Werte ist großes Wachstum zu erwarten und ich will, dass meine Wachstumswerte weiterhin ihre Arbeit machen können um mich auf lange Sicht noch sehr viel vermögender zu machen. Nach dieser Aktion hier kann ich schließlich noch nicht in Saus und Braus leben und richtig finanziell frei bin ich dann auch noch nicht.
Also muss das Geld in erster Linie aus meiner Sparrate (600€ im Monat) und den reinvestierten Dividenden (dieses Jahr etwa 570€ im Monat) kommen. Diese knapp 1200€ im Monat ergeben also 14.400 Euro im Jahr. Auf diese Weise würde ich 3 Jahre brauchen um die benötigten Investitionen machen zu können. Das geht mir etwas zu lange. Ich gehe aber davon aus, dass ich bis dahin noch ein paar Teilgewinne aus sehr gut laufenden Aktien realisieren werde. Diese werde ich dann für diese Investitionen nutzen. Ebenso habe ich den Goldpreis im Auge. Sollten hier nochmal Preise von 4600€ pro Unze erreicht werden, werde ich einen weiteren Teilverkauf machen. Der ist ja noch dazu Steuerfrei.
6. (Vorläufiges) Schlusswort
Alles in Allem gehe ich davon aus, dass ich diesen Betrag in spätestens 2 Jahren investiert habe. Es würde mich aber auch nicht wundern, wenn ich ihn schon in einem Jahr aufgebracht habe.
Wenn ich dieses Mehreinkommen erzeugt habe, muss ich hoffen, dass mein Arbeitgeber mitspielt. Das ist alles andere als sicher. Ich vermute aber, dass die Deutsche Wirtschaft, aufgrund der sich über viele Jahre angehäuften politischen Fehlentscheidungen, in eine massive Rezession absacken wird. Bei Überbesetzung sollte mein Angebot auf Stundenreduktion eigentlich gerne angenommen werden.
Ich würde dann also nur noch 24 Stunden pro Woche arbeiten. Oder- 3 Tage arbeiten und 4 Tage frei. Das klingt gut. So hätte ich immer noch Kontakt zu den Kollegen und würde noch richtig im Leben stehen. Der Job würde aber von der Hauptsache zu einer Nebensache werden und ich hätte ein großes Maß an Freiheit gewonnen. Gleichzeitig kann mein Depot in Ruhe weiter wachsen, bis ich gar nicht mehr auf den Job angewiesen bin. Was ich dann mache? Das richtet sich einfach nach meiner Stimmung oder meinem Zustand, wenn der Zeitpunkt gekommen ist.
Das sind also meine Pläne für die kommende Zeit. Ich hoffe, dass ich euch damit nicht gelangweilt habe. Was meint ihr dazu? Ist das alles eine Milchmädchenrechnung? Habe ich etwas übersehen?
Welche Pläne habt ihr?
P.S. Mir ist bewusst, dass meine Rentenansprüche durch so eine Reduktion stark fallen werden. Ich plane allerdings die staatliche Rente nicht ein und bin sicher, dass mich mein Depot später gut über Wasser halten wird. Ich habe immerhin noch mindestens 28 Jahre bis dahin. Wenn mich ein gut diversifiziertes Depot bis dahin nicht ernähren kann, muss mit der Welt irgendwas massiv schief gelaufen sein.
2 Comments
Servus Andi,
ein spannender Artikel den du in die Tastatur gehauen hast.
Mein erster Beißreflex wäre, die Summe ist mir zu gering, BDC und Reits können auch mal die Dividende kürzen. Was passiert wenn weitere Umwälzungen kommen….
und dann fällt mir ein, deine Entscheidung ist ja nicht umumkehrbar…also wenn du der Meinung bist das reicht für dich.. Go ahead… wenn es nicht klappt kann man sich ja wieder eine weitere Erwerbsquelle suchen.
Schließen möchte ich mit einem Zitat von Dr. Nikolaus Braun. Vermögen kann man als Summe seiner Vermögenswerte sehen oder eben als den Ausdruck etwas tun zu können.. etwas vermögen zu tun….
Bin gespannt auf deinen weiteren Weg.
Hallo Mike!
ja, ich kann dir folgen. Meine Rechnung ist ziemlich Spitz auf Knopf und es bleibt nur wenig „Luft“ übrig.
Dividendenkürzungen kann es auf jeden Fall mal geben. Die Sache ist, wenn ich nur noch 24 Stunden pro Woche arbeite, reicht mein Einkommen immer noch komfortabel für den Lebensunterhalt. Da wird es also nicht eng werden. Nur die Sparraten würden wegfallen, das würde aber nicht meine Existenz bedrohen. Und wie du sagst – zur Not kann ich einfach einen Minijob annehmen.
Dein Zitat ist gut. Es zeigt mir in gewisser Weise meine Schwächen auf. Ich kann mittlerweile Geld ganz gut vermehren. Aber ich bin nicht gut darin es von Null auf zu erzeugen. Mein Depot wurde mit einem 08/15 Gehalt aufgebaut. Ich kann es mir nicht leisten es zu verlieren.
Du hast mir Ideen für einige neue Artikel gegeben, danke dafür! Ich halte dich hier in Zukunft gerne auf dem Laufenden!
Gruß Andi