Hallo zusammen,
als Kind hatte es der doofe Andi richtig gut. Er hatte seine Weltanschauung und fühlte sich damit wohl. Er glaubte, dass die (seine) Zukunft in eine bessere und gut strukturierte Welt voller Sinn, Wissen und Weisheit führen würde.
Als er noch klein war, betrachtete er erwachsene Menschen als die finale Entwicklungsstufe. Sie waren schlau, stark und trafen immer gute und sinnvolle Entscheidungen. Sie hörten einander zu, wogen Argumente gegeneinander ab und erzählten prinzipiell nur die Wahrheit.
Der doofe Andi hatte es gut. Aber er lag falsch. Komplett.
Das wohlwollende Grundvertrauen gegenüber eigentlich allen Erwachsenen habe ich mir in meinem Leben über eine lange Zeit bewahrt. Bis nach dem Abitur hatte ich die Einstellung, die ich gerade erläutert habe. Natürlich war ich nicht völlig blind. Ab und zu ist auch mal ein erwachsener Mensch negativ aufgefallen oder hatte einen „an der Klatsche“, aber das waren seltene Ausnahmen. Die meisten Erwachsenen waren echt okay, und ich freute mich darauf, einer zu werden.
Ich bin jetzt 38 Jahre alt und fühlte mich erst ab etwa 27 wie ein richtiger „Erwachsener“.
In der Startphase meines Jobs (ich bin schon 17 Jahre dabei) ist mir das Grauen in meinem Umfeld noch nicht richtig aufgefallen. Damals war ich frisch und motiviert und muss wohl irgendwie die rosarote Brille aufgehabt haben. Das ist jetzt aber schon lange her. Einer meiner Azubis sagte mal zu mir, ich hätte die Firma durchgespielt. Damit hat er wohl recht.
Der Lack ist jetzt runter und mit ihm die anfängliche Begeisterung. Die Karriereleiter wurde erklommen, soweit es ging. Am Ende ging es noch einmal eine Stufe zurück, weil der Boss einer anderen Person wohl noch einen Gefallen schuldig war.
In den letzten zehn Jahren, als es beruflich und fachlich nichts Neues mehr zu lernen gab, habe ich begonnen, mir die Menschen in meiner Umgebung genauer anzusehen und zu analysieren – viele davon werden auch von mir parodiert, mit teils erschreckender Präzision.
Was ich bei der Analyse meiner Umgebung in den letzten zehn Jahren entdeckt habe, ist erschreckend und hat das Menschenbild, das ich früher hatte, für immer verbannt.
Jeder Mensch hat einen an der Klatsche. Manche mehr, manche weniger. Das ist für mich ein Fakt geworden. Ich selbst nehme mich da auch nicht raus. Über meine eigenen Schwächen schreibe ich mal einen extra Artikel.
Mit dem Großteil der Menschen kommt man ja ganz gut zurecht. Aber ich habe eine Eigenschaft, die einen ganz speziellen Typ Mensch so richtig auf mich abfahren lässt.
Ich bin generell freundlich, werde nie laut, höre anderen zu und mache mir echte Gedanken über ihre Probleme und Sorgen. Für diesen speziellen Typ Mensch bin ich ein Opfer und ein gefundenes Fressen. Die Sprache ist von Endgegnern.
Endgegner sind Leute, die andere hernehmen, um ihren geistigen Abfall bei ihnen zu verklappen. Bei Gesprächen geht es ihnen nicht um Ergebnisse, sie wollen keine Ratschläge und ganz besonders wollen sie nicht korrigiert werden. Im Grunde wollen sie zwei Dinge: Sie wollen belehren, und sie wollen Reaktionen. Ein halbwegs beeindrucktes Kopfnicken, ein erstaunter Blick, eine gerunzelte Stirn oder hochgezogene Augenbrauen können für sie schon der befriedigende Lohn für 20–30 Minuten geistigen Terrors sein.
In den vergangenen zehn Jahren habe ich viele von ihnen getroffen, und sie alle sind auf mich angesprungen wie Verdurstende in der Wüste, die auf eine Quelle gestoßen sind.
Die Art und Weise, wie sie ihre Attacken starten, um einem die Zeit zu stehlen, ist mannigfaltig. Hier mal ein paar Beispieltypen:
Der gönnerhafte Endgegner
Dieser Endgegner überfällt einen am liebsten während der Pausenzeiten. Man sitzt auf einer Bank, um die wenigen Minuten zu genießen, die man zwischendurch mal frei hat.
Der Endgegner kommt zielstrebig auf einen zu und startet den Monolog mit einem lauten
„UND??“. Nachdem man dann uninteressiert sagt, dass soweit alles okay ist, geht es los.
Der Endgegner erzählt einem dann zum Beispiel, was es gestern zu essen gab – und, das ist wichtig, genauestens, wie er es gekauft, zubereitet, aufgeteilt, gegessen und am Ende die Reste eingefroren hat. Mit Begeisterung in den Augen textet er einen mit sämtlichen irrelevanten Details zu, die ihm einfallen, und freut sich sichtlich, dass er jemand anderem so etwas Gutes tun darf. Das macht er dann, bis die Pause vorbei ist.
Der Opportunist
Der Opportunist wartet ungeduldig auf eine Steilvorlage. Wirklich passen muss sie nicht, alles ist erlaubt. Der Opportunist hat gerne ein Kernthema, von dem er nur ungerne abweicht. Oft behält er es über Jahre oder Dekaden bei. Ganz beliebt sind seine eigenen körperlichen Gebrechen.
Man könnte ihn zum Beispiel fragen, ob er 50 Cent für einen Kaffee hat. Die Antwort könnte dann lauten:
„Nein, leider nicht. Ich hab heute den Geldbeutel nicht dabei, den hat gestern die Frau gebraucht, um in der Apotheke was zu kaufen. Weil ich hab es ja so schlimm im Rücken, und die Krankenversicherung übernimmt das nicht. Eigentlich müssten sie das aber tun, weil …“
Diesen Endgegner loszuwerden ist schwierig. Am besten lässt man ihn stehen und entfernt sich zügig, unter ständigem Kopfnicken.
Der Repeater / Broken Record
Der Repeater ist eigentlich ein guter Mensch. Er möchte einfach nur seine tägliche Dosis Kontakt haben. Das Arsenal eines Repeaters ist sehr übersichtlich, deshalb wiederholt sich auch ständig alles.
Wie geht es dir heute?
Nicht viel Arbeit heute, oder?
Das Wetter ist schön heute!
Diese Fragen bekommt man dann jeden Tag gestellt. Begegnet man ihm mehrfach, bekommt man oft alle Fragen gestellt. Um die Antwort geht es ihm nicht. Auf die Frage, wie es mir geht, habe ich mit der Zeit nur noch geantwortet: „So wie immer.“
Gestellt bekommen habe ich sie trotzdem jeden Tag. Es ging natürlich nur darum, eine Vorlage zu erzeugen, um mir im Detail zu berichten, wie es ihm geht oder welche Arbeiten er aktuell verrichtet – auch wenn diese absolut nichts mit meinem eigenen Job zu tun haben und die Infos für mich in keiner Weise relevant sind.
Einem Repeater zu entkommen ist fast unmöglich. Sie takten ihre Pausen so ein, dass sie immer zeitgleich mit den eigenen liegen. Sitzt der Repeater auf einer sonst leeren Bank und man setzt sich demonstrativ auf eine weit entfernte, ebenfalls leere Bank, dann steht er auf und folgt einem. Ich hatte schon mäßigen Erfolg, indem ich zunehmend pampig wurde oder dem Repeater gesagt habe, er solle mich in der Pause in Ruhe lassen. Sobald man aber wieder ein einziges freundliches Wort zu ihm sagt, ist alles vergessen, und der Kreislauf beginnt erneut.
Der technisch versierte Endgegner / Fachidiot
Der Fachidiot hat einen Kompetenzbereich, in dem er durch Halbwissen glänzt und dieses ohne driftigen Grund mit seiner Umwelt teilen muss. Wie immer: lang, ausschweifend, ungefragt.
Wir haben uns mal einen Spaß gemacht, indem wir einen technisch versierten, auf Computer spezialisierten Endgegner auf unsere Azubine gehetzt haben.
„Sie möchte sich einen Laptop kaufen, weiß aber nicht welchen. Vielleicht kannst du ihr helfen?“
Gesagt, getan. Das arme Mädchen konnte noch kurz entgegnen, dass sie sich keinen Laptop kaufen möchte und auch kein Interesse daran hätte. Dem Endgegner war das freilich egal. Zu unserer Belustigung musste sie sich nun eine 20-minütige Einweisung in die Welt der Klappcomputer anhören.
Lachen konnten wir nur kurz – bei der nächsten Gelegenheit waren wir wieder dran.
Der Wettkämpfer alias Baron von Münchhausen
Diesen Endgegner dürften die meisten bereits kennen. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, jede Story zu toppen und in seiner eigenen Version noch eine gute Schippe obendrauf zu packen. Ob das, was obendrauf gepackt wird, der Wahrheit entspricht oder nicht, ist vollkommen optional.
Wenn ich also irgendwo erzähle, dass ich mir vor zehn Jahren zusammen mit einem Azubi überlegt habe, bei 900 € Bitcoin zu kaufen, und mich leider dagegen entschieden habe, kommt prompt der triumphierende Zwischenruf des Wettkämpfers:
„Du wirst lachen! …“
Dann legt er los und erzählt die Story von einem „Bekannten“ von ihm, der vor Jahren hunderte BTC gekauft hat, dann durch eine plötzliche Amnesie alles wieder vergaß und sich erst vor Kurzem wieder an den USB-Stick erinnert hat.
„Jaja, es geht ihm jetzt gut, dem Ricky … hat ein riesiges Hotel in Frankreich gekauft … und ihm gehört schon halb Baden-Baden …“
Solche Storys hat natürlich jeder schon gehört. Aber jedem Beistehenden wird gleich klar, dass das alles erfunden ist und es diesen glücklichen Typen entweder nicht gibt oder er ihn nicht persönlich kennt. Dieser Typ Endgegner kontert auf alles, was man erzählt, mit einer deutlich heftigeren Version.
Ich habe gerade eine Schreibpause gemacht und war eine dampfen …
Rein zufällig hat mir genau jetzt dieser herzensgute Mensch aufgelauert und mir eine Story erzählt, wie er einmal auf Inlinern eine steile Straße heruntergefahren ist und nicht mehr bremsen konnte. Er ist dabei laut eigenen Angaben 75 km/h schnell geworden und hat mehrere Autos überholt. Als er irgendwann zum Halten gekommen ist, hat er sich an den heißen Rädern Brandblasen zugezogen. Wer’s glaubt …
Gibt es ein Fazit?
Es gibt noch andere Sorten von Endgegnern, wie z. B. Spinner oder Rätsler. Ich möchte aber eure Geduld nicht übermäßig herausfordern und belasse es hierbei. Wenn man nur einen oder zwei Endgegner in seinem Umfeld hat, kann man damit leben. Werden es aber zu viele, können sie zu einer echten Belastung werden und einem das Leben oder die Arbeit unerträglich machen.
Ich hatte schon extreme Stressphasen, in denen ich einem kompletten Burnout oder Zusammenbruch sehr nahe gekommen bin. In diesen Zeiten habe ich körperlich auf die Angriffe der Endgegner reagiert. Mir wurde schwindlig, ich fühlte mich schwach oder wollte einfach nur noch weg. Teilweise war ich kurz vor einer Panikattacke. Jeder Arbeitstag fühlte sich an wie ein Spießrutenlauf. Damals habe ich mich nur auf das Wochenende gefreut, weil ich an diesen beiden Tagen diese Gestalten nicht weiter sehen und ertragen musste.
Ich scheine ein besonders beliebtes Opfer für diese Menschen zu sein. Zudem reagiere ich wahrscheinlich auch besonders empfindlich auf sie. Wie gut ich sie ertragen kann, hängt vor allem von meinem eigenen Nervengerüst ab. Je solider, desto besser.
Ich habe schon mit einigen Menschen über Endgegner gesprochen, habe aber nur einen finden können, der wirklich versteht, was ich meine und wie unangenehm sie sein können. Dieser Mensch ist mein direkter Arbeitskollege und sitzt mir seit Jahren gegenüber.
Kennt ihr das auch? Habt ihr ähnliche Erfahrungen gemacht? Habt ihr eventuell wirksame Lösungen gefunden? Teilt es mir gerne mit.
Viele Grüße
der doofe Andi